Polizisten und Zöllner

Sieben Zöllner und zwei Hunde drängen sich in Chevy und nehmen ihn von vorne bis hinten auseinander. Ich komme eben von der Passkontrolle zurück, auch da haben mich die Zöllner durchsucht und das Innere meiner Tasche nach aussen gekehrt.

Seriöse Zollkontrolle?

Fresko Gur-e-Amir Mausoleum, Samarkand
Fresko Gur-e-Amir Mausoleum, Samarkand

Wir befinden uns auf der Hauptschmuggelroute für Opium. Jedes Jahr werden angeblich über die 1300km lange Grenze zwischen Afghanistan und Tajikistan Hunderte von Tonnen Opium geschmuggelt. Von Tajikistan müssen die Drogen weitertransportiert werden. Und die Zöllner an der usbekischen Grenze haben offenbar das Gefühl, dass wir zwei die Hauptverantwortlichen für diesen Schmuggel sind. Auf die Hundenasen wollen sie sich nicht verlassen, lieber durchwühlen sie Chevy selber.

 

Die zwei Hunde und die restlichen sechs Zöllner haben schnell aufgegeben, doch einer hat sich besonders in seine Aufgabe verbissen. Mäse zeigt ihm mit zusammengebissenen Zähnen den Inhalt jedes Kästchens, ich stehe draussen und bete mein Mantra vor mich hin: Ich bin gaaaanz ruhig….Ich bin gaaaanz relaxed…. Das ganze hat nicht mehr viel mit der Suche nach Drogen zu tun, vielmehr schaut es für mich aus, als hätte der Zöllner Spass daran, ungestört in unseren Haushalt zu wühlen. Jeder BH wird in den Fingern gedreht, Tampons mit fragendem Blick Mäse unter die Nase gehalten und sogar die Nase ins WC gesteckt. Ich bin ganz ruhig! Ich bin ganz relaxed! Die indische Hupe, die wir uns in Indien fürs Überleben im Strassenverkehr zugelegt haben, steht hoch im Kurs und damit trötet der Staatsvertreter den beiden Hunden in die Ohren. ICH BIN GANZ RUHIG!! ICH BIN GANZ RELAXED!! Zum Glück verliert dieser sympathische Herr irgendwann das Interesse an unserem Haushalt und wir dürfen einreisen. Wir sind noch nicht weit gefahren, werden wir bereits von der ersten Polizeikontrolle gestoppt und unsere Pässe registriert. Schon wieder steht einer in Chevy und durchwühlt ihn. Ich schmiede bereits Pläne um unsere Route zu ändern und sofort wieder nach Kasachstan auszureisen. Zu allem Unglück verfahren wir uns auch noch. Im Stockdunkeln stellen wir uns neben ein Baumwollfeld für die Nacht.

Registrationspflicht in Usbekistan

Übernachtungsplatz in Samarkand
Übernachtungsplatz in Samarkand

Nach einer ruhigen Nacht sieht die Welt schon wieder besser aus. Eine Begegnung mit einem netten Bauern revidiert unseren Eindruck von Usbekistan zusätzlich und wir beschliessen, wenigstens in die erste Stadt zu fahren. Nach wir vor liegt uns aber die Registrationspflicht auf dem Magen. Beim Verlassen von Usbekistan wird stichprobeweise kontrolliert, wo man die Nächte verbracht hat. Das heisst für uns, wir müssen in ein Hotel einchecken, um einen Registrationstalon zu erhalten. Wir wollen aber kein Zimmer, sondern im Auto schlafen. Uns geht es nur um den Registrationsnachweis. Und da wir dafür natürlich bezahlen, handeln wir jeweils aus, dass wir die Dusche benützen dürfen sowie ein Frühstück erhalten.

Suche in Samarkand

Registan, Samarkand
Registan, Samarkand

Gegen Abend treffen wir in Samarkand ein. Wir wissen von anderen Reisenden von einem Bed & Breakfast, das auf solche Deals, wie wir ihn wollen, eingeht. Doch dieses B&B scheint vom Erdboden verschluckt zu sein. Nachdem wir die Altstadt per Auto und zu Fuss erkundet haben, unzählige Bewohner nach dem B&B und der Strasse gefragt und alle nur den Kopf geschüttelt haben, gehen wir davon aus, dass wir falsch informiert sind. Müde, verschwitzt und hungrig geben wir die Suche auf. Mäse steuert in einen Minimarkt um eine Cola zu kaufen. Er kommt mit zwei Liter und einem breiten Grinsen wieder hinaus. Im Laden haben sie ihn gefragt, ob er in unserem gesuchten B&B wohne und ihm den Weg dorthin erklärt. Ohne Probleme finden wir es jetzt. Dort sitzt eine Touristengruppe an einem Tisch. Ohne recht hinzuschauen, grüsse ich sie und gehe an ihnen vorbei. Da springt eine von ihnen vom Stuhl hoch. Völlig unerwartet stehe ich einem bekannten Gesicht aus der Schweiz gegenüber. Schicksal oder Zufall? Wir lassen’s offen und stossen zur Sicherheit auf beides an.

Plastiksack voll Geld

eine Tankfüllung Benzin
eine Tankfüllung Benzin

Da in Usbekistan eine starke Inflation herrscht, wuchert der Schwarzmarkt um Geld zu wechseln. Eigentlich illegal ist es leicht jemanden zu finden, der gerne Dollars gegen usbekische Som eintauscht. Wir wechseln genug um unseren Benzintank auf der Weiterfahrt füllen zu können und stehen mit einem Plastiksack voll 1000 Noten da. 1000 Som ist die grösste Note und entspricht ca. 50Rp. Ein voller Tank kostet etwa 190'000 Som. Wollen wir also unseren Tank füllen, zählen wir zuerst 5 Minuten Geld, bevor wir überhaupt mit Tanken beginnen können.

Bauen in Bukhara

Aussicht auf Bukhara
Aussicht auf Bukhara

Bukhara ist ebenfalls wie Samarkand ausführlich restauriert worden und hat viele Moscheen und Medresen. Das Fort müsse besonders schön sein. Doch es ist geschlossen, eine Wand ist vor zwei Monaten zusammengefallen. Die Arbeiter stehen übereinander auf einer Leiter und reichen sich von Hand Eimer voll Zement weiter. Der Wiederaufbau könnte also noch länger gehen. Nach der Besichtigung von einigen Moscheen verlässt uns die Motivation. Wenn immer möglich, setzen wir uns in den Schatten um abzukühlen.

 

Fürs Abendessen tappen wir in eine Touristenfalle, ein Restaurant an einem Wasserbecken, das kühlere Luft verspricht. Die Rindsschaschlik sind gross, doch mit Schafsfett durchspickt. Was wohl zur Geschmacksverbesserung gedacht ist, dient in unserem Fall eher zur Geschmacksverschlechterung.

Leute foppen

jungfräuliche Autobahn mit Erdhügeln
jungfräuliche Autobahn mit Erdhügeln

Mit einer Empfehlung für ein B&B in Kiva in der Tasche wollen wir abfahren. Doch die seit längerem kränkelnde Batterie ist leer und ausser einem Husten bleibt Chevy stumm. Wir überbrücken von der zweiten Batterie und fahren los. Lange holpern wir neben einer jungfräulichen Autobahn her, auf der alle 100m ein Erdhügel liegt, so dass wir nicht daraufschleichen können. Über Stunden weichen wir Schlaglöchern aus, immer die neue Autobahn im Blick. Zum Glück verbessert sich die Strasse und wir erreichen am Abend Kiva. Dieses Mal finden wir auf Anhieb ein B&B, das sich als super herausstellt. Weil bereits ein NL Auto den Besucherparkplatz belegt, dürfen wir uns vor den Privateingang der Familie unters Dach in den Schatten stellen.

Disneyland in Usbekistan

Stadtmauer von Kiva
Stadtmauer von Kiva

Kiva, die dritte Stadt in Usbekistan könnte im arabischen Viertel in Disneyland stehen. Alles glänzt und ist gepflegt und um überhaupt in die Altstadt zu kommen, müssen wir Eintritt bezahlen. Die Moscheen und Medresen sind in Museen umgewandelt. Sie sind zwar schön, doch wie Samarkand und Bukhara wirken diese Städte künstlich auf mich. Die Moscheen sind für Touristen und im Innern von Souvenirständen überhäuft. Obwohl sie architektonisch sehr schön sind, fehlt mir das Leben in ihnen, betende Menschen und die andächtige Stille.

Fotoshooting auf dem Bazar

auf dem Bazar, Kiva
auf dem Bazar, Kiva

Von Kiva bis zur Grenze nach Kasachstan erwarten uns 400km durch die Wüste. Dafür rüsten wir uns auf dem Bazar mit Gemüse und Früchten aus. Eine Marktfrau hat Deutsch in der Schule gelernt und erzählt mir, dass sie 56 Jahre alt sei, 6 Kinder und 8 Enkelkinder habe. Natürlich will sie dasselbe nun von mir wissen. Sie schaut mich ganz mitleidig an, als ich ihr erzähle, dass wir keine Kinder haben. An einem anderen Stand entdeckt ein junger Mann meine Kamera und will fotografiert werden. Auf einmal stehen zwei andere Ladies da, die sich ebenfalls als Fotomodell fühlen. Sie notieren uns nachher ihre Adresse, damit wir ihnen die Fotos schicken können.

Nerven behalten

Westgate, Kiva
Westgate, Kiva

Wir wollen unsere letzten Som in Benzin investieren, doch in Nukus sind alle Tankstellen geschlossen. Also lassen wir’s bleiben, irgendwo werden wir die Som sicher noch los. Wir treffen auf ein anderes Overlandfahrzeug. Sie haben sich soeben mit Benzin auf dem Schwarzmarkt eingedeckt und 2 Euro pro Liter bezahlt. Anscheinend gibt es in Nukus nur 2x / Woche Benzin und an diesem Tag offensichtlich nicht. Die drei sind noch nicht lange unterwegs und als wir ihnen gestehen, dass wir oft keine Ahnung haben, was die erlaubten Geschwindigkeiten auf der Strasse sind, entgegnet uns einer von ihnen, dass doch nach jeder Grenze eine grosse Hinweistafel stehe, worauf die Geschwindigkeiten ausser- und innerorts aufgeführt seien. Das bringt uns zum Lachen. Ich kann mich nicht erinnern, wann wir das letzte Mal eine solche Tafel gesehen haben. Wir verlassen die drei Spassvögel und finden im nächsten Ort eine Tankstelle, die uns Benzin zum üblichen Preis verkauft, 60 Rappen / Liter. Gut, haben wir die Nerven behalten.

 

Vor der Grenze steht bereits eine lange Schlange von LKWs. Doch wir fahren frech daran vorbei und stellen und zuvorderst vors Tor. Niemand murrt und wir werden bald eingelassen. Zum Glück geht die Ausreise schneller als die Einreise. Für unsere Registrierungstalons hat sich übrigens niemand interessiert.

Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    Nancy (Mittwoch, 08 August 2012 18:29)

    Was mach ich den abem 18.08. ohne euri Bricht?? Sie sind immer super spannend gsi und ich wird sie absolut vermisse!!! Chömet gute Hei!!! Liebie Grüess Nancy

  • #2

    Patrick / Motr (Mittwoch, 08 August 2012 19:37)

    Wie es scheint wird es noch etwas hartnäckig auf euren letzten Kilometern. Gute Weiterfahrt und weiterhin gute Nerven für dein Mantra :-)

    LG, Pad

  • #3

    Gaby (Donnerstag, 09 August 2012 12:32)

    Liebi Karin, liebä Mäse, ja, ja, alles gaht emal em Endi entgegen !!!! Ich han für meh als es Johr vo eu so mänge tolle Bricht dörfe läse, ihr händ mir x-mal min Tag verschöneret und ich bin mit eu mitgreist in Gedanke. Es wird mir unheimlich fähle. Wie gern würd ich debi si, wänn ihr i dä "guete alte Heimat" a chömed und eu au i d'Arme schlüsse. Eis isch ganz sicher, ich danke eu für die viele tolle Erläbnisbricht und wünsche eu no ä gueti Reis zrug. Passed uf eu uf.
    Ganz liebi Grüessli und ä feschti Umarmig us Cape Town. Gaby

  • #4

    Thomas und Patricia (Montag, 20 August 2012 22:14)

    Hej ihr zwei Giraffe-riiter! Ich ha mal nahglueget und en Routevorschlag für oii Heireis nahglueget: Nur no 5112 km, das sind 66h Fahrziit bis mer oi wider live chönd gseeh. Es git no e Variante wo e chlini Abchürzig isch, 5107 km, aber die gaht ziitlich gliich lang und isch echli schwierig zum finde... Drum nämed doch lieber di sicherer Route - mer froied ois uf oi!

7. September 2012

Gleich zwei neue Blogbeiträge über unsere letzten Abenteuer und unsere Heimkehr sind online sowie die Fotos dazu.

 

4. September 2012

Übernachtungsplätze ab Kasachstan bis nach Deutschland sind online. 

 

4. September 2012

Unsere visuelle Route ist vollendet und zeigt die letzten Stationen auf unserer 14-monatigen Reise.