Malaysia

vor Petronas Tower
vor Petronas Tower

Kuala Lumpur erscheint uns klinisch rein und sehr ruhig. Keine Kühe auf der Strasse, keine brennenden stinkenden Abfallberge und niemand hupt. Bei roter Ampel halten alle Autos an und auch für Fussgänger gelten die Verkehrsregeln wieder. Ich muss mich nach drei Monaten Indien zuerst wieder an dieses geordnete Leben gewöhnen und daran, nicht jede Lücke im Verkehr auszunutzen, um die Strasse zu überqueren. In Indien konnte ich mich darauf verlassen, dass zwar ein riesiges Verkehrschaos herrscht, aber trotzdem jeder auf jeden achtet und der Verkehr deshalb funktioniert. Das wird mir schmerzlich bewusst, als mich am zweiten Tag beinahe ein Töfffahrer überfährt, weil ich zwischen Bussen hindurchschlüpfen will. Zum Glück ist aber weder dem Töfffahrer noch mir etwas passiert und wir konnten den Vorfall mit 10 Ringgit (etwa 3 Franken) aus der Welt schaffen. In Malaysia vertraut man wieder auf die Schilder und Verkehrssignale und bei Rot über die Strasse zu gehen, ist hier nicht empfehlenswert.

Kuala Lumpur – übersetzt schlammige Flussmündung – hat etwa 1.5 Mio. Einwohner. Das Wahrzeichen sind die Petronas Zwillingstürme, die sich über der Stadt erheben und lange als die höchsten Gebäude der Welt galten. In der ganzen Stadt gibt es unzählige Shoppingzentren. In einem gibt es sogar einen Vergnügungspark mit einer Achterbahn über drei Stockwerke. Alle bekannten Marken sind vertreten aber keinesfalls günstiger als bei uns. Es ist hier möglich, am Morgen in einem gigantischen Shoppingzentrum exklusive Markenkleider zu erstehen und im Delikatessenladen Fondue und Cervelat zu kaufen und am Nachmittag auf einem Markt in Blutlachen von frisch geschlachteten Tieren herumzuwaten und sich eine Schweinekeule zu leisten. Die Bilder von Kuala Lumpur sind vielfältig, so wie es auch die Kulturen sind, die nebeneinander leben. Es gibt Malayen, Chinesen und Inder. Obwohl die Staatsreligion der Islam ist, ist Weihnachten ein allgegenwärtiges Thema. Der nationale Klingelton auf dem Natel ist Jingle Bells und kurz vor Weihnachten haben Verkäufer in den meisten Läden eine rote Klausmütze auf dem Kopf.

Geschichte in Melaka

Melaka
Melaka

Nach einer Woche in Kuala Lumpur machen wir einen Ausflug nach Melaka. Das ist ein überschaubares historisches Städtchen 140km südlich von Kuala Lumpur. Reisen ist in Malaysia sehr einfach. Es gibt moderne Autobusse, die pünktlich abfahren und ohne Zwischenstopp direkt am Zielort halten. Die Strassen sind gut ausgebaut, so dass man innerhalb einer vernünftigen Reisezeit am gewünschten Ort ankommt.

In Melaka besuchen wir das Marine Museum und lernen die Geschichte der europäischen Seefahrer von der anderen Seite kennen. Bei uns lernt man die Geschichte der grossen Entdecker. Hier verfolgen wir, wie die Geschichte aus der Sicht der Entdeckten ausgesehen hat. So ruhmreich tönen diese Entdeckungen aus dieser anderen Sichtweise auf einmal gar nicht mehr.

In Melaka gibt es eine vielfältige einheimische Küche. Hier gibt es Durian. Von den Malayen wird diese Frucht der König der Früchte genannt. Es heisst aber auch, dass viele Europäer den Geschmack dieser Frucht eklig finden. Das macht uns neugierig und so probieren wir einen Bissen. Für uns schmeckt diese Frucht tatsächlich ein wenig nach verwestem Fleisch. So ist es nicht verwunderlich, dass in vielen Guesthouses Durian verboten sind.

Chinesische Weihnachten

Weihnachten in KL
Weihnachten in KL

Wir hatten geplant, Weihnachten irgendwo am Strand zu verbringen. Da Chevy aber mit Verspätung in Indien abgefahren ist, waren wir an Weihnachten noch autolos und verbrachten diese Tage in Kuala Lumpur. Wir haben uns in einem sympathischen Guesthouse in Chinatown einquartiert und feiern mit den anderen Gästen. Zuerst essen wir uns an einem Buffet satt, danach singen wir gemeinsam ein Weihnachtslied und darauf liest jemand eine Stelle aus der Bibel vor. Bei mir kommt trotz 30 Grad und lauter Fremden so etwas wie Weihnachtsstimmung auf. Sobald aber dieser feierliche Teil abgeschlossen ist, erscheint eine grosse Flasche Sake auf dem Tisch und die Trinkspiele beginnen. Ab jetzt ähnelt diese Weihnachtsfeier eher einer Sylvesterparty.

Kranke Zöllner

Cameron Highlands
Cameron Highlands

Nachdem Chevy am 25. Dezember endlich in Port Klang, dem Hafen von Kuala Lumpur, eingetroffen ist, treffen wir nach den Festtagen unseren Agenten um ihm das Carnet sowie die Bill of Lading zu übergeben. Autoverschiffungen mit einem Carnet sind ein Spezialfall, wie wir in Indien schon feststellen mussten. Die Zöllner, die unser Carnet unterschreiben könnten, fühlen sich aber über die Festtage alle unwohl und erscheinen nicht zur Arbeit. Wir brauchen einen Moment, bis wir realisieren, dass wir im alten Jahr nicht mehr mit dem Auto rechnen können. Um die erneute Wartezeit zu überbrücken, planen wir einen Ausflug in die Cameron Highlands.

Botanische Seltenheit

grösste "Blume" der Welt
grösste "Blume" der Welt

Die Cameron Highlands bestehen aus einer alpine Landschaft, durchzogen von Dschungel und Teeplantagen. Wir unternehmen am ersten Tag auf eigene Faust einen Dschungelspaziergang. In strömendem Regen suchen wir nach dem Startpunkt und dem richtigen Weg. Wir wollen schon fast aufgeben, haben es dann aber zum Glück nicht gemacht. Obwohl wir innerhalb weniger Minuten pflutschnass sind und der Weg eher einer Schlammpiste gleicht, gefällt mir die Miniwanderung. Endlich wieder einmal im Regenwald.

Am nächsten Tag machen wir einen Tagesausflug. Auch der beginnt mit einer Wanderung durch den Dschungel. Kurz vor dem Startpunkt nehmen wir einen Orang Asli mit, einen malaysischen Ureinwohner. Er stellt sich als unser Führer heraus. Trotz seines fortgeschrittenen Alters legt er einen Kaltstart hin und rennt den schlammigen Berg hinauf, wir ihm dicht auf den Fersen. Wir balancieren über wacklige Bambusbrücken und über Bambusröhren durch knöcheltiefe Pfützen und trinken Wasser aus einem Bambusrohr. Unser Ziel ist die Rafflesia. Eine Blume, die gar keine Blume sondern ein Pilz ist. Ihre Blüte hat einen Durchmesser von einem halben Meter und ihr Duft gleicht demjenigen einer verwesenden Kuh. Sie ernährt sich von Insekten, die von diesem Geruch angelockt werden. Es vergehen Monate, bis eine Rafflesia blüht und nach sieben Tagen ist die Blütezeit bereits wieder vorbei. So haben wir also Glück, dass wir eine zu Gesicht bekommen.

Anschliessend besuchen wir ein Orang Asli Dorf und dürfen alle durch ein Blasrohr pusten. Die Orang Asli gehen mit diesem Blasrohr und Giftpfeilen auf die Jagd nach Affen. So ursprünglich wie es den Touristen verkauft wird, ist das Leben in diesen Dörfern dennoch nicht mehr. Die Hütten sind längst nicht mehr aus Bambus sondern vom Staat bereitgestellte Betonhäuser und vor den meisten Häusern steht ein Töff.

Verspätete Bescherung

Befreiung von Chevy
Befreiung von Chevy

Am 3. Januar erhalten wir die Nachricht von unserem Agenten, dass es heute endlich soweit sein soll, unser Carnet unterschrieben wird und wir den Chevy abholen können. Also zurück nach Kuala Lumpur. Dummerweise erwischen wir einen von Indern betriebenen Bus. Und so ist es nicht verwunderlich, dass der Bus mit viel Verspätung abfährt und die Klimaanlage nicht funktioniert. Statt aber nach KL durchzufahren und das Problem anschliessend zu beheben, vertrödeln wir wertvolle Stunden in einer Hinterhofgarage, wo grausige Mechaniker versuchen, die AC zu reparieren – leider erfolglos. Erst am späten Abend treffen wir in KL ein und können das Auto für heute vergessen. Also gehen wir ein weiteres Mal zu unserem Guesthouse. Wir werden dort wie alte Freunde begrüsst und erhalten ohne viel Umstände unser Doppelzimmer wieder.

Am nächsten Tag sitzen wir punkt Neun mit unserem gesamten Gepäck beim Agenten im Büro. Er fährt mit uns zum Warehouse und da steht tatsächlich ein Container mit Chevy drin. Er ist schnell ausgeladen und in gutem Zustand. Nachdem wir die Kosten beim Agenten für seine Hilfe beim Verzollen beglichen haben, fahren wir los, stocken unsere Vorräte auf und machen uns auf den Weg ans Meer.

Expedition Blutegel

Taman Negara
Taman Negara

Nach zwei Tagen Strand und Meer zieht es uns wieder in den Regenwald. Dieses Mal ist das Ziel der Taman Negara, ein Nationalpark mit über 4000km2 feuchtem undurchdringlichem primärem Regenwald, der 130 Mio. Jahre alt sein soll. Die angebotenen Trekkings haben uns alle nicht angesprochen und so beschliessen wir, auf eigene Faust loszuziehen und in einem Hochstand im Dschungel zu übernachten. Wir packen unsere Rucksäcke mit Proviant für die nächsten zwei Tage, Schlafsack und viel Mückenschutzmittel. Der Weg ist gut markiert und wir treffen alle paar Meter auf eine lärmende Gruppe in kurzen Hosen. Trotz der schweren Rucksäcke ziehen wir möglichst schnell an ihnen vorbei. Erst nach einer wackligen Brücke lichten sich die Menschenmassen und nach einem Schild, ab hier nur mit Guide (das wir gekonnt ignorieren), treffen wir den Rest vom Tag nur noch auf ein Paar und zwei Orang Asli. Der Weg geht stetig bergauf und bergab. Ich bin innerhalb von kürzester Zeit nass geschwitzt. Wir kämpfen uns sechs Stunden durch schlammigen Dschungel. Gegen den Schluss fluche ich still in mich hinein, warum wir immer völlig übertriebene Sachen machen müssen und nicht mal etwas Normales. Aber diese Flüche verfliegen schnell, als wir bei der Hütte ankommen. Sie steht auf Stelzen und besteht aus einem einzigen grossen Raum mit sechs Kajütenbetten drin. An diesem Abend sind wir die einzigen Besucher. Wir setzen uns ans Fenster und starren gespannt auf die Salzlecke in 20m Entfernung. Wir entdecken einen Tapir, Wildschweine und rund 20 Blutegel an Mäses Beinen. Es ist Vollmond und obwohl wir wenige Tiere sehen, ist es schön, der Dschungelsymphonie zu lauschen, die aus Zirpen, Gackern, Bellen, Brüllen besteht.

 

In der Dämmerung nutzen die Eichhörnchen die Ruhe und vergnügen sich mit dem Abfallsack. Unsere Vorräte hängen an einer dünnen Schnur an einem der Deckenbalken. Einmal nimmt ein Eichhörnchen einen Satz und landet auf dem Sack mit unserem Proviant. Mäse reagiert blitzschnell und verscheucht das freche Ding.

 

Der Rückweg ist zwar länger als der Hinweg, aber viel angenehmer. Gleich zu Beginn müssen wir einen Fluss durchqueren. Zum Glück ist ein Seil über den Fluss gespannt, an dem ich mich festhalten kann. Ohne das wäre ich sicher schwimmen gegangen. Auch am zweiten Tag sehen wir wenige Tiere dafür viele riesengrosse Bäume, zwischen deren Wurzeln man gut wohnen könnte. Als wir die ersten im Dschungel in weissen Hosen und Flipflops treffen, wissen wir, dass wir fast wieder zurück in der Zivilisation sind.

Gefälschtes Picknickhäuschen

buddhistischer Tempel
buddhistischer Tempel

Die Fahrt geht weiter Richtung Norden zur thailändischen Grenze. Die Autobahn ist in einem guten Zustand so kommen wir gut vorwärts. Immer wieder gibt es Raststätten mit Tankstelle, Restaurant, Shop etc. Diese Raststätten eignen sich hervorragend zum Übernachten. Und es gibt überall praktische Picknickhäuschen. Ich denke mir zwar dass es schade ist, gibt es keine Tische und Stühle in ihnen, aber schliesslich können wir auch auf das Geländer sitzen. So richten wir uns eines Morgens also in so einem Picknickhäuschen ein mit unseren Cornflakes, Milch und was halt alles zu einem ausgiebigen Frühstück gehört. Ich wundere mich noch über den Teppich, der im Dachgebälk hängt, als uns schon jemand auffordert, die Schuhe auszuziehen. Und jetzt wird auch uns klar, dass diese vermeintlichen Picknickhäuschen nicht zum Frühstücken gedacht sind, sondern muslimische Gebetshäuser sind. Wir haben uns also schleunigst aus dem Staub gemacht.

Höchste Zeit für eine andere Religion. Ab sofort entdecken wir den Buddhismus in Thailand.

Kommentar schreiben

Kommentare: 6
  • #1

    Gaby (Sonntag, 15 Januar 2012 16:20)

    Hallöchen ihr zwei, tja, jetzt cha sogar ich e mal mitrede, dänn Kuala Lumpur känn ich au, hät mir zwar nöd sehr gfalle, aber China Town hani ganz lässig gfunde !!!! Nur ebe s'Wätter hät nöd welle, mir sind dauernd verrägnet worde und d'Luftfüechtigkeit isch eifach nüd für dä Hansjörg gsi. Gnüssed d'Entdeckig vo dä Tämpel,die sind würklich schön (kitschig) aber mir händs gfalle.
    Gueti Fahrt witerhin und bis zum nächschte Mal.
    Es ganz liebs Grüessli us em heisse und windige Cape Town. Gaby

  • #2

    Nadine (Sonntag, 15 Januar 2012)

    Hallo ihr Lieben Zwei. Gerade heute ist mir das lange Zurückliegen des letzten Blogeintrages aufgefallen. Schön, dass er nun fertig ist und ich wieder Neues von Euch lesen kann. Herzliche Grüsse von Nadine

  • #3

    Nadine (Sonntag, 15 Januar 2012 17:51)

    Ihr seht entspannt und glücklich aus: ich freue mich!*****

  • #4

    Anjes Stöckli (Sonntag, 15 Januar 2012 23:33)

    Hallo Karin und Marcel,
    danke für die Fotos und den Bericht über eure weiteren Abenteuer im neuen Jahr!
    Mami Anjes

  • #5

    Päp (Montag, 16 Januar 2012 17:02)

    Liebe Beide
    Es ist schon beeindruckend, was ihr alles erlebt und wie viel an Anekdoten, Bildern und Erlebnisse sich summieren. Danke, dass wir das alles auf diesem Weg mitverfolgen können. Ich freue mich über jedes Lebenszeichen, sei es auch noch so klein. Zwei Beobachtungen muss ich jetzt sofort loswerden: 1. Kommt es mir bloss so vor, oder hat sich "Chevy" vom fahrbaren Untersatz so allmählich in den Status eines "Familienmitglieds" erhoben? Und 2. sag ichs per Reim, nachdem ich die Fotos gesichtet habe, auf denen ihr drauf seid:
    Es ist mir wirklich vorgekommen
    ihr beide hättet abgenommen!
    checkt doch einmal das Gewicht,
    um Himmels Willen, hungert nicht!
    Auch im Regenwalde nicht vergessen:
    Zwar Regen trinken, doch auch essen.

    Alles Liebi
    Päp

  • #6

    Diana Isler (Donnerstag, 19 Januar 2012 13:00)

    Nachträglich no es guets Neus Jahr! Mags eu wiiterhin gueti Gsundheit bringe, vill idrücklichi Erlebnis und bewegendi Begegnige!
    i freu mi scho uf de nächsti Blog!

7. September 2012

Gleich zwei neue Blogbeiträge über unsere letzten Abenteuer und unsere Heimkehr sind online sowie die Fotos dazu.

 

4. September 2012

Übernachtungsplätze ab Kasachstan bis nach Deutschland sind online. 

 

4. September 2012

Unsere visuelle Route ist vollendet und zeigt die letzten Stationen auf unserer 14-monatigen Reise.