Incredible India

Gateway of India
Gateway of India

Voller Elan stehen wir am 16. September pünktlich wie eine Schweizer Uhr in Mumbai in der Annahme, den Chevy am nächsten Tag aus dem Hafen holen zu können. Unser Carnet de Passage sollte in der Zwischenzeit in der Niederlassung der Schifffahrtsgesellschaft in Mumbai eingetroffen sein. Nach einem klärenden Telefongespräch stellt sich heraus, diese Leute haben noch nie von unserem Carnet gehört. Nach diversen Nachforschungen zeigt sich, dass es nach wie vor in Dubai auf dem Schreibtisch der Schifffahrtslinie liegt. Diese Nachricht hat uns ziemlich erschüttert, denn ohne Carnet bringen wir den Chevy unmöglich durch den Zoll und aus dem Hafen. Ein Plan muss her. Dummerweise nützen in diesem Fall alle Pläne nichts. Das Carnet bleibt solange auf dem Schreibtisch der Schifffahrtslinie liegen, bis unser Agent und Vermittler zwischen uns und der Schifffahrtslinie die Rechnung für die Verschiffung des Chevys beglichen hat. Erst danach wird ihm das Carnet ausgehändigt, damit er es uns nach Mumbai schicken kann. Die Herausforderung an der Geschichte ist, dass unser Agent die offenen Kosten erst begleicht, nachdem wir ihm diese Kosten bezahlt haben. Das würden wir liebend gerne tun, dafür fehlen uns aber sowohl der Betrag als auch seine Bankverbindung.

Früchtestand
Früchtestand

Es gibt da aber keine Rechnung, auf der sowohl der offene Betrag als auch die Bankverbindung aufgeführt sind, am besten noch mit einem netten Einzahlungsschein dabei. Geschweige dann eine Aufstellung, wie sich die Kosten zusammensetzen. Es macht sich ja schlecht, unter Position 7 „Schmiergeld“ aufzuführen. Habe ich zu Beginn dieser Story noch nach einer detaillierten Rechnung verlangt, so merke ich schnell, dass ich von diesem Wunsch abkommen muss, wenn wir den Chevy vor Ablauf unseres Visums aus dem Hafen haben wollen.

 

Um den Prozess zu beschleunigen, schlagen wir der Schifffahrtslinie in einem verzweifelten Versuch vor, sie direkt zu bezahlen, damit sie uns die Dokumente zuschicken können. Dieser Vorschlag wird natürlich abgelehnt. Unser Agent von Sea Sand Shipping ignoriert unsere Telefonanrufe und eMails mittlerweile und wir wissen langsam keinen Ausweg mehr, wie wir in nützlicher Frist unser Carnet wieder zurückerhalten, damit wir den Chevy aus dem Hafen holen können. Nachdem ich vor Wut in Tränen ausgebrochen bin, Mäse zwei Tage später ebenfalls jedem, der ihm zu nahe kommt, fast an die Gurgel springt, beschliessen wir, uns die Reiselaune nicht von einem Möchtegernagenten vermiesen zu lassen und schmieden einen neuen Plan, schliesslich ist es das Wichtigste immer einen Plan zu haben.

Mysore Maharajapalast
Mysore Maharajapalast

Wir packen unsere Rucksäcke von neuem und setzen unsere Südindien-Reise fort bis wir die Nachricht erhalten, dass die Dokumente für uns im Hotel eingetroffen sind. Also fliegen wir nach Bangalore in Südindien und reisen von dort nach Mysore, wo es einen sehenswerten Mahradjapalast zu besichtigen gibt. In der Nähe von Mysore besuchen wir einen Nationalpark, wo pensionierte Arbeitselefanten gehalten werden. Wir helfen beim morgendlichen Elefantenbad und Füttern und machen anschliessend einen Ausflug durch den Dschungel. Abgesehen davon, dass ich fast von den Moskitos gefressen werde, ist dieser Tag eines unserer Highlights in Indien.

Teegarten
Teegarten

Als nächste steht der Ort Ooty in den Nilgri Hills auf dem Programm. Ooty ist eine der bekanntesten „Hill Stations“ in Südindien. Unter Hill Stations muss kann man sich einen Ort in den höhergelegenen Bergen vorstellen, wo die Temperaturen milder sind als im Tiefland und wo im Sommer viele Einheimische hinflüchten. In den Nilgris gibt es unzählige Teeplantagen und mehrere Botanische Gärten. Der einzige Grund nach Ooty zu reisen, ist in der unberührten Natur zu wandern. Genau das haben wir vor. Aber ich fühle mich nicht wohl und habe Fieber und der Gang vom Bett zum Bad fühlt sich wie eine Araratbesteigung an. Also lasse ich das Wandern bleiben und verkrieche mich unter zwei Wolldecken ins Bett. Mäse bucht ein leichtes Trekking, doch 10 min bevor es losgehen soll, kommt die Mitteilung, dass der Führer diesen Morgen gestorben sei und die Wanderung deshalb nicht stattfindet. Zum Glück sind wir in der Zwischenzeit geübte Plan B Schmieder und so erkundet er die Umgebung ohne Wanderung per Minibus.

geschrumpfter Medizinvorrat
geschrumpfter Medizinvorrat

Zwei Tage später hat sich das Fieber nach einem Tag Schonfrist in voller Stärke zurückgemeldet. Mäse fackelt nicht mehr lange, packt Gepäck und mich unter den Arm und geht in das nächste Spital. Den Einwand, dass Mäses Geburtstag im Spital zu feiern nicht witzig ist, lässt er nicht gelten. Schnell stellt sich heraus, dass es sich nicht um eine einfache Grippe sondern um Denguefieber handelt. Mit 40°C Fieber werde ich schnurstracks ins Bett gesteckt und an eine Infusion gehängt. Denguefieber ist eine Tropenkrankheit und wird durch Moskitos übertragen, verursacht hohes Fieber und Gliederschmerzen etc. Ein Souvenir an den Nationalpark in Mysore.

 

Also logieren wir die nächsten drei Tage im Spital und Mäse pendelt zwischen Apotheke, Restaurant, Gemüseläden, Strassenständen und dem Spitalzimmer hin und her um uns mit allem nötigen zu versorgen. 

 

Nach drei Tagen ziehen wir in ein Hotel um, Indien hat mich wieder. Und wo zum Gugger ist das Carnet?!? Immerhin haben wir in der Zwischenzeit eine Bankverbindung erhalten um den Betrag zu bezahlen.

Transport per Schiff
Transport per Schiff

Wir setzen unsere Rundreise durch Südindien fort, immer auf dem Sprung, sofort nach Mumbai zurückzukehren, sobald das Carnet eingetroffen ist. Weiter geht es nach Fort Cochin in Kerala, ein ruhiges Städtchen, das sich gut als Reha-Station eignet. Von da aus machen wir einen Ausflug in die Backwaters. Das ist eine Lagunen- und Kanallandschaft, die früher die Dörfer ausschliesslich über den Wasserweg verbunden hat. Auch heute noch werden viele Transporte per Boot durchgeführt. Wir verbringen hier zwei wunderbar ruhige Tage fernab von jeglichem Hupen, Rufen und den Menschenmassen.

Hotel Taj Mahal
Hotel Taj Mahal

Endlich erhalten wir die gute Nachricht, das Carnet ist in Mumbai eingetroffen. Halleluja!! Wir haben die Wahl, entweder eine 40 stündige Zufahrt oder einen 2 stündigen Flug zurück nach Mumbai und entscheiden uns ohne viel Nachzudenken für die Flugvariante.

 

Wir quartieren uns im altbekannten Guesthouse ein und fühlen uns fast wie zuhause. Am nächsten Morgen, einem Montag, um 8 Uhr wird das Carnet sowie Mäses Pass von einem Agenten abgeholt. Wir freuen uns, endlich kommt Bewegung in die Geschichte. Es werde ein bis zwei Tage dauern, bis alle Dokumente bereit sind und wir den Chevy aus den Klauen des Hafens befreien können. Da wir in der Zwischenzeit bereits einen Monat in Indien sind und das Zeitverständnis hier ein wenig kennen, stellen wir uns auf Ende Woche ein. Nach zwei Tagen ohne Nachricht fragen wir nach. Es gebe Verzögerungen, die Schweiz beantworte eine Anfrage nicht. Am Freitag haben wir das Auto sicher. Uns ist ein Rätsel, was die Schweiz mit dieser Angelegenheit zu tun haben soll.

Victoria Terminus
Victoria Terminus

Per Zufall kommt Michi ins selbe Guesthouse. Michi haben wir auf der Fähre vom Iran nach Dubai kennen gelernt. Er ist mit seinem VW Polo von Österreich nach Indien unterwegs und hat dasselbe Problem wie wir. Er in Mumbai, das Auto ebenfalls schon lange in Mumbai im Hafen, aber die nötigen Dokumente fehlen, um es aus dem Hafen zu schaffen. Er löst aber das Rätsel mit der mysteriösen unbeantworteten Anfrage an die Schweiz. Dabei handelt es sich um eine Anfrage an den TCS, ob unser Carnet tatsächlich echt sei und wir damit zollfrei nach Indien einreisen dürfen. Der TCS wird diese Anfrage wohl als Spam gelöscht und bestenfalls den Kopf geschüttelt haben.

 

Michi gibt uns eine Kontaktperson beim FIA (Int. Automobilklub), die die Anfrage beim TCS gemacht hat und auf eine Antwort wartet. Michi ist ebenfalls aufgehalten worden, weil dieselbe Anfrage wie bei uns vom österreichischen Automobilklub nicht beantwortet worden ist. Glücklicherweise ist die Vertretung des FIA in Mumbai. Also sind wir schnurstracks bei dieser Kontaktperson im Büro gestanden und haben ihr erklärt, dass unser Carnet ganz sicher echt ist. Wir sind sehr überrascht, als zwischen unzähligen Papieren und viel Herumwühlen tatsächlich ein Dossier auftaucht mit unserem Fall, zusammengeheftet mit Michis Antrag. Diese Bestätigung sei auch bereits bei unserem Agenten.

 

Hier ist auch der richtige Platz, um eine Haftpflichtversicherung abzuschliessen. Nachdem wir am vorherigen Tag erfolglos von Versicherung zu Versicherung gerannt sind und niemand ein Auto mit ausländischem Kennzeichen für drei Monate versichern will, kann, oder weiss wie, geschieht dies hier erstaunlich unkompliziert. Das Wochenende steht vor der Türe und die nächsten zwei Tage ist nicht mit dem Auto zu rechnen. Aber am Montag, da werden wir es ganz sicher haben. Es fehle nur noch eine Unterschrift.

Dhobi Ghat
Dhobi Ghat

Nach weiteren zwei Tagen Zeit totschlagen ist endlich Montag. Wir haben am Mittag einen Termin mit dem Agenten um das Auto aus dem Hafen zu holen. Die Rucksäcke sind gepackt, aus dem Hotel ausgecheckt. 12.00h – kein Agent weit und breit in Sicht. Mehrere Telefonate und Verwünschungen später treffen wir einen anderen Agenten, der uns lediglich mitteilt, dass es heute nicht mehr klappen werde. Wir sollen uns doch morgen treffen, dann werden wir das Auto garantiert erhalten. Nach Mäses Insistieren können wir wenigstens in den Hafen um Chevys Zustand nach über einem Monat im Hafen stehen zu begutachten. Dafür werden wir aber zuerst fotografiert und erhalten eine Besuchserlaubnis. Meine Erlaubnis läuft im 18.00h ab, Mäses erst um 23.00h. Macht ja auch Sinn, Frauen beim Eindunkeln nach Hause zu schicken. Als wir zum Chevy kommen, liegt in seinem Schatten ein Penner, oder ist es doch ein Parkplatzwächter? Ob der auch eine Besuchserlaubnis hat? Aber viel schlimmer ist der platte Reifen. Zum Glück ist aber niemand damit herumgefahren und nur das Ventil kaputt. Wir reparieren das an Ort und Stelle und ignorieren die Ermahnungen, dass ich den Hafen verlassen muss. Für einmal machen wir es wie die Inder und halten uns auch nicht an Zeitangaben.

Chowpatty Beach
Chowpatty Beach

Am nächsten Tag erscheint unser Agent tatsächlich zum vereinbarten Zeitpunkt und ein Postenlauf beginnt. Mäse und ich schliessen Wetten ab, wie viele Büros wir abklappern müssen, bis jeder seinen Kritzel auf das Formular gemacht hat. Wir wundern uns ob den chaotischen Zuständen in diesen Büros. Immerhin sind es die Zollbüros. Da stapeln sich Aktenberge in allen Ecken, so dass wir darüber steigen müssen, um ins Büro zu kommen. Die unterste Schicht der Akten ist bereits so verfault, dass sie nur noch aus Staub besteht. Was nicht festgebunden ist, droht davonzuflattern, weil überall Ventilatoren um die Wette surren. Nach fünf Büros (Mäse gewinnt die Wette, ich habe acht vermutet), unzähligen Unterschriften (von wegen nur noch eine fehle…), viel Hinterherlaufen und warten ist der grosse Moment gekommen. Wir können zum Chevy. Der Schlüssel ist aber nicht auffindbar. Der sei wohl noch in Dubai. Auf unseren Einwand, wie denn das Auto in Mumbai vom Schiff bis auf den Parkplatz gefahren worden ist, rollen sie ihren Kopf auf typische Inderart wie ein Wackeldackel und schweigen. Zum Glück haben wir einen Reserveschlüssel dabei.

 

Nach einer weiteren Stunde warten und drei wichtigen Zöllnern, die die Chassi-Nr. mit dem Carnet verglichen haben, erhalten wir endlich die Erlaubnis in die Freiheit aus dem Hafen zu fahren. Es ist halb 7 abends und wir haben es nach 10 Tagen geschafft, das Auto aus dem Hafen zu holen. Wir fahren vom Hafen direkt raus aus Mumbai. Nach 2 Stunden Fahrt und sagenhaften 40 zurückgelegten Kilometern parken wir auf einem Restaurantparkplatz für die Übernachtung.

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Kommentare: 6
  • #1

    Gaby (Dienstag, 01 November 2011 13:11)

    Hallo ihr Liebä, na, toll, das ihr ändlich wieder es Auto händ und für dä Momänt dä Bürokratie händ chöne entfliehe !!!! Trotzdem muess ich säge, eui Fotos vo Indie sind ja mega schön und sicher hät eu das es bitzeli entschädiget für die grosse Umtrieb. Bin froh z'läse, dass du wieder gsund bisch mini lieb Karin. Also, passed uf ufenand und händ's witerhin schön.
    Es liebs Grüessli us Cape Town. Gaby

  • #2

    Nancy (Dienstag, 01 November 2011 18:52)

    Hi ihr zwei, das hört sich alles sehr sehr abentürlich ah, unglaublich und unglaublich spannend zum lese. (wie jede Bitrag bis jetzt!!) Da isch euises Läbe in Florida grad nüd dagege.:-) Freuet euis uf dä nächst Bitrag und hebet euch Sorg!! Liebi grüess us F.L. N&S

  • #3

    Pius (Dienstag, 01 November 2011 21:14)

    Salü zäme
    Spannend, eindrücklich, bewundernswert. Danke für diese Berichte. Karin, gut hast Du mal bei uns gearbeitet, so hast Du ja genügend Erfahrung mit Formularen. :-)
    Gruss Pius

  • #4

    Enrico Rimann (Donnerstag, 10 November 2011 11:53)

    Hey, ihr zwei! Das brucht würklich nerve, was ihr grad händ müesse duremache! Aber ich bewundere trotzdem, wieä ihr das meisteret! Aber ihr händ ja Ferie! Gnüssed wieter euchi Weltreise! Isch immer wieder sehr interessant zum läse! Hebed euch sorg!
    Liebä Gruess Enrico

  • #5

    Omi (Mittwoch, 23 November 2011 15:19)

    Schon eine ganze habe ich nichts mehr gelesen von euch. Mami erzählt mir jeweils die neusten Neuigkeiten und die versetzen mich in ärgerliche Gefühle!! Eure Pechsträne müsste nun wirklich nicht sein, sie wirft doch eure ganzen Pläne über den Haufen. Hoffentlich ändert es sich bald und es geht wieder alles nach Wunsch. Man fragt sich nur, für was solche Überraschungen gut sein sollen.
    Bei mir ist alles beim alten und ich bin froh, wenn der ganze Weihnachtstrubel vorbei ist. Ich denke viel an euch - macht's gut und freut euch trotz allem an den Schönheiten die dieses Land zu bieten hat.
    En liebe Gruess und en Schmutz-mini Gedanke send bi euch.
    Omi

  • #6

    Tanja (Samstag, 12 Oktober 2013 20:33)

    Das war natürlich damals schon sehr ärgerlich. Aber echt klasse, wie ihr mit der ganzen Sache umgegangen seid.

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