Einladung in einen kleinen Garten

Während unserer Fahrten durch Iran werden wir immer wieder angesprochen, woher wir sind und willkommen geheissen. Das passiert nicht selten auf der Autobahn bei 100km/h mit durchs Fahrerfenster gebrüllten Fragen und Antworten. Ich habe mich in der Zwischenzeit daran gewöhnt, dass Mäse die Hauptperson ist. Fragen werden prinzipiell an ihn gestellt, sogar solche über mich. Auch wenn ich direkt neben ihm stehe, dann fragt der Mann Mäse, was ich arbeite. Auch die seltenen Komplimente an mich werden immer indirekt über Mäse gemacht. Anfangs hat mich das sehr irritiert. Aber schliesslich gilt: Andere Länder, andere Sitten und ich habe mich daran gewöhnt. Umso erstaunter bin ich, als auf der Autobahn ein Auto auf meiner Seite abbremst und mich ein Mann angrinst. Völlig perplex grinse ich zurück und denke mir, dass ist sicher kein Iraner gewesen.

Es geht nicht lange, da taucht das Auto auf der Fahrerseite auf und die übliche Frage wird gebrüllt, woher wir sind. Auf Mäses Antwort schiesst er knapp vor uns auf unsere Fahrbahn, stellt den Pannenblinker ein und winkt dabei wie verrückt aus dem Fenster. Wir bremsen ab und fragen uns, was das jetzt für eine Aktion sein soll. Als er auf den Pannenstreifen abbiegt, folgen wir ihm gespannt, was er will. Er steigt aus, mit ihm vier Kinder und redet auf Farsi auf uns ein, gespickt mit zwei, drei Englischen Ausdrücken. Wir verstehen house und sleep und rätseln noch, was er genau meint, da drückt der Mann Mäse bereits sein Natel in die Finger. Zum Glück spricht der Mann am anderen Ende der Leitung Englisch und wir verstehen, dass sie ein Haus mit einem kleinen Garten haben und wir gerne in diesem Garten übernachten können. Da wir für heute sowieso noch keinen Übernachtungsplatz haben, nehmen wir dieses Angebot gerne an. Nachdem das geklärt ist, braust uns der Mann mit eingeschaltetem Pannenblinker voraus und wir folgen ihm. Unterwegs hält er an einer Bäckerei und reicht uns dann ein noch warmes Fladenbrot mit einem Becher Crème fraîche durchs Fenster. Da wir nicht sofort über das Brot herfallen, reisst er zwei Stücke davon ab, tunkt sie in den Käse und drückt sie uns in die Hand. Eat!, lautet der Befehl.

Chevy in Gefahr abzustuerzen
Chevy in Gefahr abzustuerzen

Die Fahrt geht weiter und endet schliesslich vor einem Eingangstor. Direkt nach dem Tor die nächste Herausforderung: ein 10m tiefes Loch, das mit zwei Holzplanken bedeckt ist. No problem, einfach darüber fahren. Das lässt Mäse aber nicht gelten. Das Loch wird zuerst sorgfältig untersucht und erst als er feststellt, dass unter den beiden Planken noch ein Stahlträger liegt, darf der Chevy darüber fahren.

Der "kleine" Garten
Der "kleine" Garten

Der kleine Garten stellt sich dann als riesiges Anwesen heraus. Wir werden freundlich empfangen und zu einem iranischen BBQ eingeladen. Obwohl die Frauen hier ohne Kopftuch herumlaufen, wage ich es nicht, von Anfang an meine Verkleidung abzulegen. Das bringt mir die Frage ein, ob ich Muslimin sei. Natürlich nicht und sehr schnell bin ich umgezogen und stehe in Jeans und T-Shirt da. Eine Wohltat, mal wieder im gewohnten Stil herumzulaufen nachdem sonst lange Hosen, lange Ärmel und Kopftuch Pflicht sind.

zwei der Kinder unserer Gastgeber
zwei der Kinder unserer Gastgeber

Die Kinder nehmen uns voller Stolz mit auf einen Rundgang in ihrem Garten. Obwohl sie Farsi sprechen und wir auf Deutsch antworten klappt die Kommunikation perfekt. Sie erzählen uns, dass es hier manchmal Wildschweine gebe, dass sie kürzlich eine Schlange im Gebüsch gesehen haben und dass der grössere Junge einen Raubvogel abgeschossen hat und diesen nun über den Zaun hängt, um weitere Räuber abzuschrecken. Sie geben uns Bibeli zum Streicheln und wir lachen gemeinsam über den jungen Hund, der voller Enthusiasmus durch den Hühnerhof jagt und die armen Hühner in alle Windrichtungen aufscheucht.

Später am Abend sitzen wir mit dem Hausherrn und seiner Frau zusammen. Er ist für mich der Inbegriff eines orientalischen Gelehrten. Er spricht fliessend Englisch und Französisch, Farsi und Indisch. Er kann lateinische und persische Buchstaben lesen und schreiben und zusätzlich auch Hindi. Er gibt uns einen Crashkurs in der Entwicklung der Buchstaben und der Völkerwanderungen. Er ist es auch, der uns versichert, dass wir in Iran sicher keine Probleme mit der Bevölkerung haben werden sondern höchstens mit der Regierung. Er denkt, dass in 4 – 5 Jahren die Situation im Iran ändern wird, inspiriert von den Ereignissen in Lybien, Syrien, Ägypten. Es bleibt zu beobachten.

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Kommentare: 4
  • #1

    Enrico Rimann (Dienstag, 23 August 2011 14:03)

    Tschau Mäse und Karin,
    ich gsehne, es gaht euch guet! Es isch immer wieder sehr interessant, us eurem Tagebuech läse! Eifach genial und interessant gschribe! Ihr sind würklich z'beniide! D'Fotis sind au dä Hammer! Ganz en liebä Gruess
    Enrico und Karin

  • #2

    Janine Dünner (Dienstag, 23 August 2011 21:12)

    Sali zäme
    Zuerst einmal herzliche Glückwünsche zur Hochzeit, zum Chevy und zu dieser Reise! Eure Reiseberichte machen süchtig ;-). Toll!
    Wir freuen uns auf weitere News und senden liebe Grüsse
    Janine und Peter

  • #3

    Mam (Mittwoch, 24 August 2011)

    Hallo ihr zwei
    Eure Einträge begeistern mich jedesmal aufs Neue. Meist lese ich diese auch etwa drei Mal hintereinander, um auch ja alles richtig mitzubekommen. Super, dass ihr auch immer wieder alles mit so tollen Fotos spickt. Weiter gute Fahrt und viiiel Glück!
    Big Kiss
    Mam

  • #4

    Lucia (Sonntag, 28 August 2011 16:26)

    Hallo ihr zwei
    Das ist super interessant was ihr da alles erlebt. Ein grosses Kompliment für die Blogs und die tollen Fotos. Es ist immer wieder schön von euch zu lesen, bin immer wieder aufs neue gespannt was ihr zu berichten habt. Karin wie wäre es mit einem Foto in deinem neuen Look? Was meinst du kannst du mir diesen Gefallen erfüllen? Ist einfach persönliche Neugier :-))))

    Take care und weiterhin all the Best.
    Herzliche Grüsse
    Lucia

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